Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren
 


 
Letztes Feedback


http://myblog.de/transparentevergangenheit

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Kapitel 1

1. Kapitel


Der Sinn des Lebens. Wieder mal dachte ich auf dem Nachhauseweg darüber nach. Jennifer Rostock dröhnte mir während des Gehens über meine Kopfhörerin die Ohren. ´Brachte es überhaupt was, darüber nachzudenken?´ Wahrscheinlich nicht. Ich schüttelte leicht den Kopf und setzte meinen Weg fort. Das rot leuchtende ´S´der Sparkasse prangte kurze Zeit später vor mir. Ich schloss den Nebeneingang auf und betrat das Treppenhaus. `Ob meine Mutter schon zuhause war?´ Wahrscheinlich nicht. Sie arbeitete in letzter Zeit so viel und kam erst spät abends an. Ich schloss unsere Wohnungstür mit einen Seufzer auf und trat hinein. Alles war wie immer. Ich stellte meinen Rucksack neben die Komode und ging zur ersten Tür auf der rechten Seite. Die Wohnung war nicht groß, reichte aber für uns beide. Ich dachte wieder wehmütig an mein altes Haus zurück. 11 Jahre meines Lebens habe ich dort verbracht und bald soll es verkauft werden. Mutter will wohl alles aus der Vergangenheit löschen.

Ich trat durch die Tür ins Zimmer ein. An der linken Wand prange eine ausgezogene Couch und gegenüber ein Schreibtisch mit einer Glasplatte, sowie ein Regal voller Bücher.

„Wo bleibt nur das Happy End, wie es in den Büchern beschrieben wird?“ sagte ich kleinlaut. Ich schmiss meine Jacke aufs Bett und überprüfte mein Handy nach Nachrichten. Niklas hatte immer noch nicht zurückgeschrieben. Obwohl, wollte ich überhaupt? Jedes mal musste ich mir sein gejammer wegen dieser Isabell anhören. Aber wenn dieses Thema den Kontakt zu ihm ermögliche, werde ich es wohl hinnehmen.

Als nächstes ging ich in die Küche und schaute in den Kühlschrank. Es war halb drei und ich hatte immer noch nichts gegessen. Ich machte die Tür wieder zu. Was bringt es etwas zu Essen, wenn man doch sowieso keinen Hunger verspürt.

Ich öffnete das Fenster und steckte mir eine Zigarette an. Ich atmete gierig das Nikotin ein. Es war mal wieder ein anstrengender Tag. Die Lehrer, wie immer mies gelaunt und jedes mal der gleiche öde Unterrichtsstoff. In den Pausen stand ich entweder alleine in irgendeiner Ecke oder war unten eine Rauchen. Ich hatte nicht viele Freunde. Entweder wurde ich schräg angeguckt, weil nicht die neuen modischen Klamotten trug oder wurde als ´Jannes Kleine Schwester abgestempelt. Und das nennt man ´Die Schule der Toleranz.` Ich verdrehte die Augen. Eine beste Freundin,mit der man jedem Mist anstellen konnte wäre schon mal schön. Aber sollen die doch.

So war das in der heutigen Gesellschaft. Entsprichst du nicht der heutigen Gesellschaft bist du sofort anders und so wirst du auch behandelt.

Ich drückte die Zigarette aus und steckte mir einen Kaugummi in den Mund. Wie ich den Geschmack nach dem Rauchen doch hasste. Die Lösung wäre wohl aufhören, aber das war einfacher gesagt als getan wenn man schon über fünf Jahre rauchte. Mit nicht mal 17 war das wohl sehr unnormal. Aber ich schob es immer auf meine Familienverhältnisse ab. Aber stimmte das nicht auch irgendwo? Ohne es zu bemerken hatte ich mir eine weitere Zigarette angesteckt. Ich steckte mich ausgibig. Was sollte nur mal aus mir werden?

Mit elf angefangen zu rauchen, die ersten Piercings mit zwölf und dann mit 15 das Erste Tattoo.

Ich fasste mir unbewusst an den Rücken. Wie ich sie doch vermisste. Es waren schon fast drei Jahre vergangen, seitdem sie tot sind. Der keltische Knoten mit den drei Ringen, die inneinander verschlungen sind werden mich ewig an sie erinnern. Mir schossen die Tränen in die Augen. Warum nur? Am 11.07.2013 starb meine Uroma und kurz nach Weihnachten am 28.12 dann mein Uropa. Als nächstes im Frühling mein Onkel. Und als wenn das noch nicht genug wäre starb dann letztes Jahr im Mai meine Tante. So viele starben. Und nun wird es bei meinem gelibten Opa auch bald soweit sein. Ich denke teils glücklich, teils traurig an die Kindergartenzeit zurück. Jeden Tag hatte er mich abgeholt und dann mit mir gespielt und dann in der Schulzeit wenn ich mal krank wurde hat er sich um mich gekümmert. Was für schöne Erinnerungen. Heute liegt er im Wohnzimmer meiner Oma in einem Krankenbett und kann nicht mehr gehen und kaum sprechen. Die Anfangszeit traute ich mich nicht dorthin zu gehen. Jedes Mal, wenn ich ihn so daliegen sah, mit diesen glasigen Blick, als wäre er schon längst nicht mehr da, brach ich in Tränen aus. Wie er sich fühlen musste.

Jetzt kam ich so oft wie möglich vorbei um bei ihm zu sein, die letzte Zeit seines Lebens, der letzte Abschnitt. Ich wusste ganz genau, dass er mich seit langem schon nicht mehr erkennt. Und dennoch nehme ich immer seine Hand, gebe ihm einen Kuss auf die Wange und sage ihm, dass seine Enkeltochter wieder da sei, dass sich keine Sorgen machen musste. Einige Male guckte er mich irritiert an, andere Male sah er einfach durch mich hindurch. Schon seit einem halben Jahr sah ich keine Erkenntnis mehr in seinen sonst so schelmisch leuchtenden Augen aufblitzen. Was werde ich nur ohne ihn machen? Die Frage stellt sich mir immer und immer wieder. Und am Ende weine ich mich doch in den Schlaf. Der tot ist so eine Sache,man kann ihn weder beeinflussen, noch bestechen. Er kommt, wenn es Zeit ist. Und das wird bei ihm bald passieren. Mir treten schon wieder Tränen in die Augen.

Jetzt aber genug. Ich habe es all die Jahre in diesem Haus mit diesem Monstern ausgehalten, dann werde ich dies auch überwinden. Ich bin stark, ich schaffe es doch. Doch eine leide innere Stimme flüstert mir zu: „Du bist nicht so stark, wie du immer vorgibst zu sein!“

Und das wusste ich leider auch. Meine Unterlippe begann zu beben als ich an die Vorkommnisse in der Schule zurückdenke. Mein Physiklehrer hatte mich mal vor der ganzen Klasse angeschrien und runter gemacht. An diesem Tag war ich mental sowieso schon gebrochen und dann auch noch das. Ich bekam eine Panikattacke und keine Luft mehr. Mein ganzer Körper wurde von schluchtzern geschüttelt aber meinem Lehrer war es egal. Ich schäme mich heute noch dafür. Meine ganze Klasse sah, wie ich total verkümmert auf dem Boden lag, bis ich irgendwann aufsprang und hinaus rauschte. Dies sollte noch Konsequenzen haben. Doch wie sich am Ende herrausstellte nicht für den Lehrer, sonder für mich. Der Schulleiter hielt mir einen ellenlangen Vortrag, dass ich mich nicht erwachsen genug benommen habe blablabla. Was erwarteten sie von mir? Ich bin verdammt noch mal 16 und noch nicht mal im entferntesten erwachsen. Zumindestens vom rechtlichen her.

Was für bescheuerte Idioten.

Ich stehe auf und verlasse die Küche, sorgsam darauf bedacht die Tür hinter mir richtig zu schließen, damit der Geruch von Zigaretten nicht in die ganze drang.

Ich ging in mein Zimmer und machte meinen Laptop an. Ich war so erleichtert endlich zuhause zu sein und von der Realität Abstand zu nehmen. Ich machte mir einen meiner Lieblingsanimes an und verlor mich in dieser wunderbaren Fantasiewelt. Wie ich es liebte.

Die Zeit verging wie im Flug. Da war es eben noch 16 Uhr gewesen, so war es jetzt 21 Uhr. Zeit meine Pille zu nehmen. Ich stand schwerfällig auf und holte mir ein Glas Saft, stellte es auf den Tisch und fummelte an der Medikamentpallette rum.

Auf einmal schrak ich auf und guckte erschrocken auf mein Handy. Niklas hatte mir drei Nachrichten hinterlassen. Mist. Ich öffnete seine Nachrichten und lass sie mir durch. Eine Minute später schloss ich die Augen. Diese blöde Isabell. Er war so angetan von ihr und schwärmte, als wären sie schon zusammen und am Ende war sie ja doch unerreichbar. Warum tun so viele Menschen das? Bei Niklas war mir von vornerein klar, dass er nichts von mir wollte und habe meine Schwärmereien aufgegeben. Es bringt doch sowieso nichts, außerdass man noch unglücklicher wird. Und das wollte ich bei mir nicht noch mal zulassen. Nicht nochmal sollte ich auf der Schwelle des Selbstmordes stehen. Das hatte ich mir geschworen. Und wenn ich dadurch meine Gefühle abstellen musste, okay. Ich war noch nie ein Beziehungsmensch. Vielleicht vor sechs Jahren, bevor all das passiert ist.

Ich drückte mein Gesicht ins Kopfkissen und schrie mir ins Gewissen, nicht darüber nachzudenken. Es war passiert und niemand wird es je rückgängig machen können. Auch nur daran zu denken sorgte dafür, dass mein ganzer Körper zitterte. Es ist Vergangenheit und wird auch dort bleiben. Ich setzte mich wieder auf und zuckte zusammen. Ich hörte wie der Schlüssel umgedreht wurde und meine Mutter in den Flur trat. Da war sie also schon da. Ich guckte auf die Uhr und mir fiel auf, dass sie sowieso gleich wieder gehen würde. Was für eine dumme Entscheidung ich doch damals getroffen habe…

Sie klopfte an und riss sofort die Tür auf. Ihr erschöpftes Gesicht zusammen mit dem grellen Licht blitze mir entgegen. Ich hielt mir die Hand vor die Augen. Sie fragte wie immer, wie mein Tag war und antwortete wie jedes Mal, dass wir nichts besonderes gemacht hätten. Dann sah sie ebenfalls auf die Uhr und ging hastig wieder aus dem Zimmer. „Ich muss wieder los und Opa fertig machen. Ich bin vor elf nicht zu Hause.“ Mit diesen Worten verschwand sie aus der Wohnung und zog die Tür hinter sich zu. Ich seufzte resigniert und schlug die Bettdecke beiseite. Dann stöpselte ich den Laptop ab und ging barfuß in die Küche. Ich brauchte Nikotin. Die Zigarettenschachtel sah mich anklagend vom Küchentisch aus an und ich steckte mir sofort eine an. Wie sehnlich ich dies doch brauche. Ohne eine mindestens eine halbe Schachtel geraucht zu haben vergeht bei mir kein Tag. Ich trachte so sehr danach, wie ein Ertrinkender nach Luft. Niemand verstand dies, oder wollte es verstehen. Wieder einmal fühlte ich mich so einsam und sehnte mich nach Nähe.

Bis vor einen Monat hatte ich sie noch. Aber welchen Preis musste ich dafür zahlen. Neun Monate waren wir fast zusammen, bis ich Schluss machte. Er zog mich in dieser Zeit mit in den Abgrund und ich distanzierte mich sogar von meinen wenigen Freunden. Zu viel Kraft hatte diese Beziehung kostet. So etwas ließ ich nicht nochmal zu. In den letzten Jahren waren meine Noten wegen des ganzen Mist zuhause gesunken. Aber in der letzten Zeit war es sehr schlimm gewesen. Immer weiter fiel ich in das schwarze Loch und niemand versuchte auch nur mich wieder dort heraus zu holen, bis ich es schließlich alles selbst in die Hand nahm. Ich nahm meine letzte Kraft und kletterte hinaus. Mein Geist war schon so geschädigt, dass mein Körper sogar leiden davon trug. Der Preis für diese Nähe war einfach zu hoch. Ich steckte mir die nächste Zigarette an und merkte, dass es die Letzte war. Mist. Ich rauchte sie schnell aber dennoch genussvoll zu Ende und zog mir meine Jacke und Schuhe an. Dann zog ich den Ausweis meiner Mutter aus ihrem Portmonee und ging schnellen Schrittes aus der Wohnung Richtung Park. Schon nach zwei Minuten sah ich den Zigarettenautomaten vor mir und kaufte mir neue. Ich rauchte nur Malboro. Sie waren zwar teuer, schmeckten aber am besten. Als ich fertig war ging ich wieder zurück. Meine Mutter wusste, dass ich rauchte. Manchmal kaufte sie sie mir sogar. Es schien sie nicht zu interessieren. So wie alles was mit mir zu tun hatte. Alles drehte sich immer nur um meinen armen Bruder. Janne hier, Janne da. Immer und immer wieder. Aber das war früher auch schon so. Er war bei Mutter schon als wir klein waren die Nummer eins. Irgendwann hatte ich mich damit abgefunden. Ich hatte nur meinen Vater. Ja, mein Vater. Ich war an der Wohnung angekommen und schaute traurig zum ersten Stock hoch. Ich vermisste ihn so sehr. Eine Träne kullerte mir die Wange hinunter und ich strich sie Entschlossen weg. Ich rannte schnell die Treppe hinauf und in die Wohnung. Er hat selber diesen Weg gewählt ohne seine Familie und seine geliebte Tochter. Das wusste ich und ich hatte mich damit abgefunden. Dennoch zog sich jedes Mal mein Magen zusammen, wenn ich an ihn dachte. Ich sehnte mich so sehr nach ihn. Aber ich kann daran nichts ändern.

Ich schmiss mich aufs Bett und hing meinen Gedanken nach. Wieso ist meine Seele nur an diesen Körper und an diesem Leben gefesselt? Wieso musste alles so passieren? Wieder einmal strich ich über die kleinen Wellen des Tattoos. Ich war so einsam. Nicht mal eine große Menschenmenge konnte daran etwas ändern. Auch nicht das gemeinsame Treffen mit meinen Freunden. Jeden Tag schleppte ich diese Leere mit mir herum und konnte einfach nichts daran ändern.

Langsam fielen mir die Augen zu und ich schlief mit den Gedanken an mein Leben ein.

8.6.16 15:54
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung